Schauspiel von Savyon Liebrecht

Hannah Arendt ist die Frau, die die „Eichmann Prozesse“ für die USA dokumentierte. Sie, die Sozialwissenschaftlerin und Philosophin ist in Israel „persona non grata“, wegen ihres Ansatzes, dass der Holocaust kein Verbrechen an den Juden, sondern ein Verbrechen an der Menschheit sei. Auf Grund ihrer Haltung hätte sie 1961 zum Prozess nicht einreisen dürfen, wäre sie nicht durch eine New Yorker Zeitung dort akkreditiert gewesen. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ – Die Banalität des Bösen“ ist die Zusammenfassung ihrer Reportage. 

Außerdem war sie die Geliebte ihres Professors Martin Heidegger, eines glühenden Vertreters des nationalsozialistischen Regimes. Achtzehn Jahre zählt sie, als sie sich in ihn verliebt, und niemals – auch in späteren Jahren nicht - hat sie ihrer Zuneigung zu ihm so ganz abgeschworen. 
Als sie die Anfrage von einer israelischen Universität für ein Interview erhält, ist sie erfreut, ob der Genugtuung, auf die sie so lange gewartet hat, endlich auch in Israel als Wissenschaftlerin wahrgenommen zu werden und öffnet dem Intervie-wer bereitwillig ihre Türe. Der junge Mann erinnert sie an Rafael Mendelssohn, mit dem sie in ihrer Studienzeit eine tiefe Freundschaft verband, die letztendlich der Beziehung zu Heidegger zum Opfer fiel.


Zu Heidegger will sie sich nicht äußern, doch bald wird sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, in der ihr Geliebter und geistiger Ziehvater eine wesentliche Rolle gespielt hat. In Rückblenden wird die Geschichte des Verhältnisses zu ihrem Mentor wieder aufgerollt, die rasch klar machen, dass das, was der Mensch tut, nicht immer mit seiner inneren Überzeugung einher gehen muss, und das, was die vermeintliche Liebe ihm diktiert, in keinem gesellschaftspolitischen Kontext zu jedweder Moral stehen muss. Liebe ist unerklärlich und der individualistische Zusammenhang per se irrational und nicht zu hinterfragen. Für Hannah Arendt bleibt Heidegger der große Geist, der ihr die Wesenswelt der Philosophie logisch erklärt und ihr zum ersten Mal das Gefühl einer geistigen Unabhängigkeit vermittelt hat. Seine Theorien wurden im Nachhinein als Idiosyncrasien eines verblendeten Wissenschaftlers gesehen und abgetan; doch so einfach, wie es scheint, war die Geschichte nicht. Er wusste, was er tat, und sie begreift ihn als intellektuellen Wegbereiter eines verbrecherischen Regimes, wiewohl sie nicht in der Lage ist, die Zuneigung zu ihm und ihre Hochachtung vor seinem Geist zu relativieren und in Frage zu stellen. 


Sie erfährt schließlich, dass der Interviewer nicht das ist, als was er sich ausgibt. Er ist ein Geschäftsmann, der seine ureigenste Form von Vergangenheitsbewältigung betreibt. Tatsächlich ist er Rafael Mendelssohns Sohn, der die Konfrontation mit der Frau sucht, die sein Vater dereinst vergeblich geliebt hat. Jeder Versuch einer Erklärung bleibt fragwürdig und was am Ende bleibt, ist die Banalität der Liebe – nicht mehr und nicht weniger . 
 

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Regie: Heinz Simon Keller 

Ausstattung: Petra Maria Wirth  

 

Mit: Nagmeh Alaei, Renate Fuhrmann, Markus Penne und Gerhard Roiß

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Die Banalität der Liebe | Fotos ©MEYER ORIGINALS

Die Banalität der Liebe | Fotos ©MEYER ORIGINALS


 Pressestimmen 

Inszenierung des Monats. (...) Es ist fast unheimlich, wie sehr Fuhrmanns Ausstrahlung der erhabenen Strenge Ahrendts ähnelt (...) Aber ein einzelne schauspielerische Leistung herauszuheben, wäre nicht gerecht, denn die vier Akteure haben unter der Regie von Heinz Simon Keller ein gewandtes Zusammenspiel gefunden, sie reichen sich die geschliffenen Sätze geradezu durch. (...) Liebe macht auch Philosophen blind und das wahre Leben ist komplexer jede Theorie. Das hatten wir uns schon gedacht. Aber dieser Abend im Theater der Keller erinnert uns noch einmal traurig schön daran.

akt.6



Regisseur Heinz Simon Keller nutzt den quasi filmischen Ansatz der Vorlage für eine raffiniert montierte Inszenierung. (...) Das Ensemble - Nagmeh Alaei als junge Hannah, Markus Penne als Rafael/Interviewer, Gerhard Roiß als Heidegger und besonders die großartige Renate Fuhrmann als die Arendt der Gegenwartshandlung - meistert das anspruchsvolle Spiel und wird mit intensivem, lang anhaltendem Premierenapplaus belohnt.

Kölner Stadt-Anzeiger



Die Premiere der Inszenierung von Heinz Simon Keller geriet zum lange beklatschten Erfolg. Das lag hauptsächlich an dem souverän aufspielenden Ensemble mit der überragenden Renate Fuhrmann. Sie zeigt die alte Ahrendt, die sich in Rückblenden an ihr Leben erinnert, als kluge, eitle und selbstbewußte Intellektuelle, die bei aller gedanklichen Schärfe von ihren Gefühlen überwältigt wird. Ihr 18-jähriges Pendant ist bei Nagmeh Alaei eine moderne junge Frau in Männerhosen, begeisterungsfähig, sinnlich und geistig brillant. (...) Gerhard Roiß betont die Körperlichkeit des Akademikers, der das Holzhacken als Betätigung schätzte, er zeigt aber auch die Zerrissenheit und (in einer kleinen feinen Hitler-Parodie) den Irrglauben dessen, der als ideologischer Wegbereiter des Nationalsozialismus gilt. (...) famoses Schauspiel-Theater.

Kölnische Rundschau



Ein thematisch belangvolles Stück, eine hinreißende Inszenierung (Heinz Simon Keller). Wie gut, dass mit Savyon Liebrecht eine Israelin die „amour fou“ von Hannah Arendt und Martin Heidegger beschreibt. (...) Das Publikum, merklich betroffen, dankt den großartigen Darstellern euphorisch. Bei Gerhard Roiß’ Heidegger reicht gepudertes Haar zum Andeuten eines Alterswechsels aus. In die Hannah teilen sich hingegen (dramaturgisch stimmig) die mädchenhaft natürliche Nagmeh Alaei und die souveräne Renate Fuhrmann. Sympathisch Markus Penne in seiner Doppelrolle als Vater/Sohn. Und nochmals Kompliment für die von Petra Maria Wirth optimal ausgestatteten, facettenreichen Inszenierung.

rheinkultur, Christoph Zimmermann